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Murmeln

Kleine Kugeln aus gebranntem Ton finden sich im mittelalterlichen Fundmaterial tausendfach – ihre einheitliche Größe und zeitgenössische Darstellungen erlauben für sie ohne weiteres die Interpretation als Murmeln. Hans Boesch bezeichnete in seinem Buch „Kinderleben in der deutschen Vergangenheit“ (erschienen 1900) die Murmeln sogar als Hauptspielzeug der Kinder des Mittelalters.
Aus schriftlichen Quellen sind zahlreiche unterschiedliche Namen wie „Schussern“, „Marweln“, „Schnellkügelchen“, „Glossen“, „Klucker“, „Klicker“ oder „Ommer“ für die kleinen Kugeln bekannt.

 

Besonders der Maler Pieter Bruegel (16.Jhd.) hat uns zahlreiche Gemälde und Kupferstiche hinterlassen, die Rückschluss auf die verschiedenen Spielformen zulassen. Eine Möglichkeit war demnach das Zielen auf verschiede Kuhlen, wobei man davon ausgeht, dass es je nach Größe der Kuhle und damit dem Schwierigkeitsgrad entsprechend, unterschiedliche Punkte für einen Treffer gab.  Daneben gab es ein Spiel bei die Kinder mit Murmeln auf eine ebenfalls aus Murmeln aufgeschichtete Pyramide schießen (s. Abb.1). Wahrscheinlich gewann derjenige, dem es gelang den Murmelturm zum Einsturz zu bringen.  Weitere Varianten waren das Abtreffen einer vor einer Wand liegenden Murmel oder eines im Boden steckenden Messers (s. Abb.2). Sieger war bei beiden Spielen derjenige, der mit seiner Murmel dem Ziel am nächsten kam. Von Abbildungen des 17.Jhds. wissen wir jedoch dass nicht nur Kinder sondern auch Erwachsene gerne mit den bunten Kugeln spielten. So findet sich auf einem Bild die Darstellung einer Frauengesellschaft, die versucht mit ihren Knickern kleine Tore zu treffen.

 

Neben bildlichen Darstellungen beziehen wir die meisten Informationen über das Murmelspiel aus Polizeiordnungen (!) und Ratserlässen (!). So war das Rollen der kleinen Kugeln offenbar nicht nur ein Vergnügen für Kinder und Damen sondern auch eine beliebte Beschäftigung für Männer, bei der um Geld gespielt wurde. Daher wurde das Spiel in Nürnberg gänzlich verboten, während es in Zürich lediglich auf öffentlichen Strassen untersagt wurde (im Jahr 1530) und in Bern auf dem Kirchenhof strafbar war (Anordnung von 1560. Da sich das Spiel trotz Regelement anscheinend weiterhin größter Beliebtheit erfreute, sah sich die Stadt Nördlingen 1503 gezwungen das Murmeln auf einer Wiese westlich der Stadtmauer zu gestatten, obwohl auch der Nördlinger Rat erst einige Jahre zuvor das Spiel gänzlich verboten hatte – allerdings war das Spiel an Feiertagen erst nach Besuch des Gottesdienstes erlaubt.

 

Astrid Slizewski