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Das Haus

 

Bauen und Wohnen in Lüneburg vom 13. bis 16. Jahrhundert.

Ein Überblick

 

 

Die Bauforschung in Lüneburg steckt noch in den Kinderschuhen, obwohl ihre Anfänge in die Zeit um 1900 zurück reichen. Der Stadtarchivar Wilhelm Reinecke und der Architekt und Bauhistoriker Franz Krüger publizierten 1906 den Band „Stadt Lüneburg“ in der Reihe „Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover“ und lieferten damit eine erste Zusammenfassung des reichen Denkmalbestandes der Stadt. Die Profanarchitektur spielte aber nur eine Nebenrolle. Franz Krüger dokumentierte in der Folge zahlreiche Häuser, die aus dem Stadtbild verschwanden. Aber erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand die erste große Arbeit zum Hausbau in Lüneburg. Karoline Terlau-Friemann fertigte eine Dissertation zum Thema der „Lüneburger Patrizierarchitektur des 14. bis 16. Jahrhunderts“. Im Rahmen dieser Dissertation spielt die Forschung am Objekt allerdings nur eine untergeordnete Rolle, die Publikation stellt aber immer noch ein Nachschlagewerk zur Architekturgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Lüneburg dar. Erst in jüngerer Zeit werden bauarchäologische Untersuchungen zahlreicher. Zum einen werden Dokumentationen im Rahmen von Gebäudesanierung gefertigt, zum anderen versucht die städtische Denkmalpflege zunehmend, bauarchäologische Forschungen im Zuge von Haussanierungen und Umbauten vorzunehmen. Aber allein die Zusammenarbeit mit Hochschulen verspricht in Zukunft entscheidende Fortschritte. Die Zahl der dendrochronologisch datierten Objekte ist mit rund 50 bislang noch gering.

 

Eine reiche Photosammlung mit vielen Aufnahmen der Zeit von 1870 - 1900 im Museum für das Fürstentum Lüneburg dokumentiert die Straßenfassaden Lüneburger Häuser, bevor diese durch massive Eingriffe besonders im Erdgeschossbereich verändert wurden. In den Hausakten, die sich im Archiv der städtischen Bauverwaltung befinden, datieren die ältesten Dokumente in die Zeit um 1900. Sie geben Aufschluss über die innere Struktur der Häuser, bevor auch hier große Veränderungen vorgenommen wurden. Eine weitere Quelle zur Erforschung der Innenräume und deren Ausstattung liefern Haushaltsinvertare. Der Archäologe Marc Kühlborn wertete jüngst 96 Inventare des 16. bis 18. Jahrhunderts aus.

 

Für viele Parzellen liegen Bewohnerlisten vor, eine systematische Auswertung insbesondere der Steuerlisten und Hausauflässe ist erst in Ansätzen erfolgt. Es wird aber bereits deutlich, dass die Mobilität innerhalb der Stadt gering war, besonders bei der Schicht der Patrizier ist diese Parzellenkontinuität belegbar.

 

Die älteste überlieferte Bausubstanz Lüneburgs entstand im späten 13. Jahrhunderts. Archäologische Belege für älteren Hausbau sind bisher nur durch eine Ausgrabung in der Nähe der St. Johanniskirche bekannt. Dort wurden unter der Stadtbefestigung Grubenhäuser des 9./10. Jahrhunderts freigelegt. Daher werden im Folgenden weniger Ergebnisse von Ausgrabungen vorgestellt und der zeitliche Rahmen der Betrachtung über das Mittelalter hinaus auf das 16. Jahrhundert erweitert.

 

Spätmittelalterliche Holzbauten sind mittlerweile fast gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden. Diese Fachwerkbauten standen an Nebenstraßen, in Gängen und auf Hinterhöfen.

 

Um 1500 begann man, die Obergeschosse zweigeschossiger Budenreihen und der Flügelbauten in Fachwerk auszuführen. Diese Fachwerkgeschosse, die auf dem Backsteinerdgeschoss ruhend über Knaggen vorkragen, zeigen vor allem konstruktiv erforderliche Hölzer. Die Fachwerke sind mit Backsteinen ausgefacht.

 

Noch heute ist offensichtlich, dass Lüneburg eine Stadt des Backsteins ist. Doch die Anfänge der Lüneburger Backsteinarchitektur sind schwer zu fassen. Dendrochronologische Untersuchungen im Dachstuhl der St. Johanniskirche markieren den Beginn der Verwendung dieses Baustoffes im Sakralbau. Der Baubeginn des Chores liegt in den späten 70er Jahren des 12. Jahrhunderts. Jüngste archäologische Untersuchungen der 1860/61 abgebrochenen St. Lambertikirche belegen einen Baubeginn dieser gotischen Backsteinkirche um 1300. Schwieriger ist die erste Verwendung des Backsteins in der Profanarchitektur zu bestimmen. Da bisher detaillierte bauarchäologische Untersuchungen des Lüneburger Rathauses ausstehen, kann gegenwärtig nur festgehalten werden, dass beim Bau des Gewandhauses vermutlich im frühen 14. Jahrhunderts Backstein vermauert wurde.

 

Der erste Beleg für die Produktion von Backsteinen in Lüneburg liegt für das Jahr 1282 mit der Erstnennung des Ratsziegelhofes vor. Dieser Ratsziegelhof setzt in der Konsequenz eine Verordnung Herzog Ottos des Strengen von Braunschweig-Lüneburg (1277 - 1330) um, die zur Vermeidung von Feuersgefahr vorschreibt, die Gebäude in der Stadt mit massiven Wände zu versehen. Massive Dacheindeckungen, nämlich Dachpfannen in der Form Mönch und Nonne, fertigte der Ratsziegelhof nachweislich 1295.

 

Profanarchitektur des 13. Jahrhunderts ist bisher nicht bekannt. Durch dendrochronologische Untersuchungen von Backsteinkellern mit Balkendecken werden allerdings zunehmend profane Backsteinbauten des frühen 14. Jahrhunderts entdeckt. Unter einem großen giebelständigen Backsteinhaus in der Nähe des Rathauses konnten zwei Keller nachgewiesen werden, die in die Zeit um 1300 datieren. Die beiden Keller gehörten zu Häusern, die vermutlich mit ihren Giebel der heutigen Nebenstraße zugewandt waren.

 

Datierungen von Backsteinbauten anhand der Formate der Backsteine sind in Lüneburg nicht möglich. Anfang dieses Jahrhunderts entwickelte der Architekt Franz Krüger ein Chronologieschema der Ziegelmarken, die sehr zahlreich auf Formsteinen anzutreffen sind. Formsteine wurden von 1361 bis 1575 mit Ziegelmarken versehen. Mittlerweile zeigt sich aber, dass die Datierung anhand der Marken problematisch ist, so dass zukünftig intensiv ein Vergleich zwischen der Ziegelmarken-Chronologie und dendrochronologischen Datierungen vorgenommen werden muss.

 

Der in seiner Chronologie und Struktur komplizierte Lüneburger Rathauskomplex wies noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Gebäude auf, das einen anderen Baustoff belegt. Der Lüneburger Chronist Wilhelm Friedrich Volger schreibt 1861, dass der älteste Bau, „die sogenannte Küche, noch jetzt in seinem bis zur Giebelspitze reichenden Mauerwerk, das aus rohen Gipsblöcken des Kalkbergers ausgeführt ist“, unverkennbare Spuren seines hohen Alters trägt. Dieses Gebäude wurde 1899 für den Neubau des Stadtarchivs abgebrochen. Lüneburg besaß drei Kalk- bzw. Gipslagerstätten. Der Abbau und die Kalkherstellung waren fest in städtischer Hand.

 

Wie intensiv dieser Baustoff Gips in Lüneburg zwischen Holzbau und Backsteinarchitektur Verwendung fand, ist nicht mehr zu ermitteln. Die am Fuße des Kalkberges, in unmittelbarer Nähe des Rohstoffvorkommens gelegene Cyriakuskirche, deren Ursprünge vermutlich im 10. Jahrhundert liegen, wird ein Massivbau aus Gips gewesen sein. Eine Stadtansicht von 1610 zeigt ein Langhaus mit hoch liegenden, schmalen Rundbogenfenstern (Abb. 1). Die Cyriakuskirche wurde 1639 abgebrochen.

 

Bis weit in das 16. Jahrhundert prägte das giebelständige Haus das Stadtbild. Der Haupteingang lag leicht außermittig, bedingt durch die Binnenstruktur mit Stube neben dem Eingang bei kleineren Häusern oder dem mittigen Unterzug, der die Deckenbalken trug, bei großen Häusern. Das Erdgeschoss nahm ursprünglich eine große 4 bis 5 m hohe Diele ein. Dieser zentrale Raum des Hauses wird in den schriftlichen als „hus“, also Haus, bezeichnet. In der Diele befand sich an einer Traufseite die zentrale Feuerstelle als Kochstelle und Heizquelle. Die Diele war Zentrum des alltäglichen Lebens, dort wurde gearbeitet, gegessen, kommuniziert und gespielt. Zur Straße hin trennte man in der weiteren Entwicklung die Stube, ein primär rauchfrei zu heizender Raum, ab. Ein Kachelofen, der von der Feuerstelle der Diele aus beheizt wurde, sorgte für angenehme Raumtemperaturen. Alternativ zum Kachelofen wurden Heißluftheizungen, die im Lüneburger Raum zahlreich bekannt sind, eingesetzt. In großen Häusern wurde parallel zum Kachelofen ein Wandkamin benutzt. Die Stube war zunächst Arbeitsraum des Hausherren oder Kontor des Kaufmanns. Erst im 17. Jahrhundert wurde sie zu einem bevorzugten Aufenthaltsraum der gesamten Familie. Die Grundstruktur des Erdgeschosses war bei nahezu allen sozialen Schichten identisch.

 

Archäologische Untersuchungen eines Hauses, in dem vom frühen 16. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert Töpfer arbeiteten, geben Hinweise auf Struktur und Ausstattung eines giebelständigen Hauses (Abb. 2). Das Gebäude wurde um 1500 errichtet. Im Erdgeschoss des Haupthauses konnten die Reste eines Fußbodens aus 30 x 30 cm großen Backsteinplatten freigelegt werden. Dieser Fußboden gehörte zu einem Raum, der zur Straße hin lag. An der dem Straßenfenster gegenüberliegenden Seite lagen in einer Raumecke über dem Backsteinfußboden zahlreiche, überwiegend schwarz glasierte Ofenkacheln des 16. Jahrhunderts. Dieser Raum, die Stube, war der einzige Raum, der von der das ganze Erdgeschoss umfassenden Diele abgetrennt war.

 

Direkt hinter der Stube lag die Küche mit der Feuerstelle. Die ausgegrabenen Backsteine eines etwa 90 x 70 cm großen, leicht erhöhten Podestes waren durch Feuereinwirkung mürbe geworden. Die Küche war nicht von der Diele abgetrennt. Die Lage etwa in der Mitte einer Längswand eines giebelständigen Hauses, direkt hinter der Stube, ist charakteristisch für ein Lüneburger Haus. Von der Feuerstelle der Küche wurde auch der Kachelofen der Stube, ein sogenannter Bileger, beheizt. So war die Stube immer rauchfrei, ganz im Gegensatz zur Küche beziehungsweise zur Diele.

 

Das Erdgeschoss des Töpferhauses war ursprünglich fast vier Meter hoch. Über dem Erdgeschoss lag ein niedrigeres, knapp 2,50 Meter hohes Obergeschoss, das ebenso wie das Dachgeschoss als Lager für die Jahresvorräte genutzt wurde.

 

Unter einem Teil der Diele lag der Keller, dessen Abgang sich nahe der Feuerstelle der Küche befand. Vermutlich besaß der Keller ursprünglich eine Balkendecke.

 

Ein an das Haupthaus anschließender Flügelbau von 8,5 m Länge und einer Breite von etwa 3 m konnte ebenfalls freigelegt werden. Der Flügelbau zog zum Haus hin ein, so dass die Diele besser belichtet wurde. Größere Flächen eines gelblichen Gipsestrichbodens, in den rote Backsteinbänder eingelegt worden waren, waren noch erhalten. Der Flügelbau besaß einen offenen Kamin.

 

Von der Diele kam man in das Erdgeschoss des Flügelbaus. Estrichfußboden und Kamin weisen darauf hin, dass der Flügelbau eine gehobenere  Ausstattung besaß. Zahlreiche Beispiele in Lüneburg spiegeln die ehemalige Ausstattung dieser Flügelbauten wider. So besitzen zahlreiche heute noch Deckenmalereien. Auch das Obergeschoss wurde vermutlich mittels eines Kamins beheizt und war durch Malereien ausgeschmückt. 

 

Zwei Typen von Flügelbauten sind zu unterscheiden: der seitliche und der rückwärtige Flügelbau. Die Nutzung der Erdgeschosse der rückwärtigen Flügelbauten ist nicht eindeutig zu definieren. Ihre reiche Ausstattung mit Deckenmalerei und Wandkamin weist auf Festsäle. Nach Inventaren ist aber auch eine Nutzung als Schlafsaal oder als Wirtschaftsbereich belegt.

 

Das zweite Beispiel eines giebelständigen Hauses führt in die Architektur und Wohnkultur der Lüneburger Patrizier. Die Parzelle Große Bäckerstraße 26 fällt schon wegen ihrer Größe auf (Abb. 3). Sie umfasst 1720 m2, während etwa die südlich angrenzende Parzelle 912 m2 aufweist. Weiterhin handelt es sich hier um ein Eckgrundstück, das nicht nur von mehreren Straßen zugänglich war, sondern auch eine dreiseitige Straßenbebauung ermöglicht. Die Besitzer der Parzelle, allesamt Patrizier, lassen sich bis in das frühe 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Jahre 1517 erwarb Lutke von Dassel Haus und Grund.

 

Lutke von Dassel war ein erfolgreicher Mann. Im Alter von 28 Jahren wurde er 1502 Sülfmeister, 1509 Barmeister, 1510 Ratsherr und schließlich 1514 Bürgermeister. Lutke von Dassel begann unmittelbar nach dem Erwerb mit der Umgestaltung des Hauses.

 

Das Hauptgebäude auf einer Grundfläche von fast 350 m2 bestand aus einem hohen Erdgeschoss (Abb. 4). Darüber erstreckten sich drei weitere Geschosse. Die Nordwand aus der Zeit um 1400 zeigt noch eine strenge Gliederung der Fassade mit segmentbogigen Fenstern im Erdgeschoss und Zwillingsfenstern in den beiden Obergeschossen. 1517/18 wurde das Hauptgebäude dreigeschossig erweitert und erhielt längs der Münzstraße einen Flügelbau.

 

Vom Straßengiebel der Umbauphase 1517/18 sind Fragmente des Sandsteinportals erhalten, die sich heute im Museum für das Fürstentum Lüneburg befinden. Das Portal kostete, so ein zeitgenössischer Chronist, 500 Mark lübisch, etwa der Wert eines mittleren Hauses.  Das Fragment einer Beischlagwange verweist noch auf eine große Treppenanlage, wie sie an zahlreichen Häusern anzutreffen waren.

 

Der Rückgiebel des Haupthauses war ursprünglich mit neun Staffeln versehen und reich mit Taustein gegliedert. Zwei große, ca. 5,80 x 3,30 m große Fenster belichteten die Diele im Erdgeschoss.

 

Am Rückgiebel des Haupthauses entstand ein Flügelbau, dessen rund 100 m2 großer Saal in das Hauptgebäude eingeschoben ist. Im darüberliegenden Obergeschoss befindet sich ein ähnlicher Saal. Beide Säle waren durch offene Kamine zu beheizen. Ob die Decken dieser Säle, wie in vielen anderen Lüneburger Flügelbauten, ebenfalls reiche Malerei aufweisen, ist unbekannt.

 

Der Keller unter dem Hauptgebäude war ursprünglich über eine fast 2 m breite Treppe von der Großen Bäckerstraße aus zugänglich. Mit seiner Höhe von 3,45 m und einer Grundfläche von 107 m2 bot er eine immense Lagerkapazität. Soweit die beachtliche Architektur des Hauptgebäudes.

 

Von der Großen Bäckerstraße aus war die Parzelle durch eine südlich angebaute Durchfahrt erschlossen. Schon um 1400 wird der neben dem Hauptgebäude seitlich liegende Parzellenbereich überbaut. Über der Durchfahrt liegen Wohnräume, die als Altenteilwohnungen angesehen werden können. Gegen Anfang des 17. Jahrhunderts wird auch die Durchfahrt im Erdgeschoss zugebaut.

 

Die weitere Bebauung der Parzelle längs der Münzstraße und auf dem Wüstenort ist nur schwer zu erschließen. Im Zusammenhang mit dem Erwerb der Parzelle durch Lutke von Dassel werden eine Badestube und Buden genannt.

 

Im rückwärtigen Bereich der Parzelle, also auf dem Wüstenort, kamen bei Bauarbeiten vier Kloaken zum Vorschein. Funde aus diesen Kloaken sind der ehemaligen Hausausstattung zuzuweisen. Zwei Fragmente von Glasscheiben weisen Stengel mit jeweils drei Blättern auf, auf einem Fragment ist ein Helm zu erkennen. Diese Elemente gehören zu dem Wappen der Familie Dassel. Es ist durchaus denkbar, dass die Wappenscheiben zu den großen Fenstern der Diele gehörten.

 

Die in einer Kloake gefundenen Lochsteine gehörten zu einer Heißluftheizung, wie sie in Resten im Lüneburger Rathaus zu sehen und mittlerweile aus zahlreichen Häusern Lüneburgs bekannt ist. Kachelfunde belegen, dass in dem Haus aber auch Kachelöfen gesetzt wurden. In einer Kloake lag eine Kachel, die 1566 datiert ist und eine Dame in Renaissancekleidung zeigt.

 

Bisher einzigartig ist der Fund einer kleinen Kalksteinplastik aus einer der vier Kloaken, eine Annaselbdritt, die Anfang des 16. Jahrhunderts geschaffen wurde. Die Plastik stand vielleicht in einer Privatkapelle, wie sie aus drei Lüneburger Häusern bekannt sind.

 

Das dritte Beispiel eines giebelständigen Dielenhauses liegt auf einer Eckparzelle, die von drei Seiten erschlossen ist (Abb. 5). Im Jahre 1411 wird ein steinernes Haus bei der St. Lambertikirche genannt. Es ist identisch mit dem Brauhaus, das vor dem Sülztor liegt. Die Adresse „Sülztorstrasse 1“ ist heute ein großer Gebäudekomplex mit einer überbauten Grundfläche von rund 370 m2. Laut denrochronologischer Untersuchungen wurde der heutige Gebäudekomplex 1575 errichtet.

 

Drei Gebäudeteile sind zu unterscheiden: ein traufenständigen „Ostflügel“, ein „Kernbau“ und ein „Südflügel“ als Verlängerung des Kernbaus Richtung Sülztor. Der „Ostflügel“ ist nicht unterkellert. Unter dem „Kernbau“ liegen zwei Tonnengewölbe in Nord-Süd Richtung. Am Nordgiebel befindet sich unter dem Portal ein Kellerhals, der heute noch in den Straßenraum ragt. Vermutlich war der Keller durch zwei Eingänge erschlossen: eine Wendeltreppe an der Nahtstelle „Ostflügel“ und „Kernbau“, deren Reste unter einer modernen Treppe zum Vorschein kamen, und ein Treppenaufgang am südlichen Ende der westliche Tonne. Der „Südflügel“ besitzt im Keller ebenfalls zwei Tonnen.

 

Ein fast mittig liegendes Portal erschließt das Erdgeschoss von Norden. Durch das Portal kam man ursprünglich in die rund 140 m2 große und nahezu 5 m hohe Diele. Alle Eichendeckenbalken des ehemaligen Erdgeschosses weisen eine starke Verrussung auf. Die offene Herdstelle dieser Diele lag an der Westwand. Der Unterzug wurde ehemals im Bereich der Diele von zwei Ständern, die auf Pfeilern im Kellergeschoss ruhten, gestützt.

 

Im Winkel „Ostflügel“/„Kernbau“ lag eine Tür zum Hof, direkt neben der Wendeltreppe zum Keller. Eine mögliche Verlängerung dieser Wendeltreppe zu einer Hangelkammer ist ebenso ungeklärt wie die Datierung dieser Kammer im heutigen 1. Obergeschoss. Sie misst etwa 2 x 4 m. Dieser Raum hängt an den Deckenbalken des 1. Obergeschosses. Ob dieser Raum ursprünglich die Diele im Nordostbereich in zwei Geschosse gliederte oder später eingebaut wurde, ist ungewiss.

 

Südlich der Diele schloss ein rund 10 x 3,50 m Raum mit einem Estrichfußboden an. Der Gipsestrich war durch Backsteinreihen gegliedert. Überraschend lagen in der mittigen West-Ostachse des Raumes zwei Lochsteine, die von Heißluftheizungen bekannt sind, im Fußboden. Beide Löcher konnten im Scheitelpunkt der darunter liegenden Tonnengewölbe ebenfalls festgestellt werden. Im  Kellergeschoss sind aber keine typischen Elemente einer Heißluftheizung zu registrieren. Vermutlich wechselte man während der Bauarbeiten auf ein moderneres Heizsystem über. An der Südwand des Raumes befand sich ein kleiner Sockel aus Backsteinen, der vermutlich als Substruktion eines Kachelofens diente. Vor diesem kleinen Podest war ein Mühlespiel in den Estrichfußboden geritzt.

 

Der Raum mit dem aufwändig gestalteten Estrichfußboden, der vermutlich durch eine Tür westlich des Ständers unter dem Unterzug von der Diele erschlossen war, ist aufgrund des Befundes als Stube zu bezeichnen.

 

Die Struktur des Erdgeschosses des Südflügels konnte nicht geklärt werden. Die Deckenbalken des ursprünglichen Erdgeschosses waren nicht so verrußt wie in der bereits beschriebenen Diele.

 

Das Obergeschoss hat eine Höhe von etwa 2,20 m. Der Unterzug des Obergeschosses liegt direkt über dem des ehemaligen Erdgeschosses.

 

Das Obergeschoss des „Kernbaus“ war nicht unterteilt und wurde als Lager, das über eine Luke im Nordgiebel bestückt werden konnte, genutzt. Zwischen „Kernbau“ und „Südflügel“ zeichnet sich ein Unterschied  im Fußbodenniveau ab. Der Fußboden des „Südflügels“ liegt geringfügig  tiefer. Dieser Bereich ist als Saal zu interpretieren. Dafür sprechen seine Ausmalung und eine Verzierung an einem Mauerpfeiler in der Ostwand. Eventuell handelt es sich bei der fünfeckigen Backsteinplatte um ein Terrakottaelement mit einer nun abgeschlagenen plastischen Verzierung. 

 

Die Höhe des Erdgeschosses des „Ostflügels“ korrespondiert mit der des „Kernbaus“. Im Erdgeschoss waren „Ostflügel“ und „Kernbau“ nicht verbunden, da hier wie gewöhnlich eine Durchfahrt zum Hof lag. Im Obergeschoss befand sich ein weiterer Saal.

 

Das Haus „Sülztorstr. 1“ weist eine für Lüneburg nicht typische Raumstruktur auf. Das Hauptgebäude hatte im Erdgeschoss eine große Diele mit offener Küche. In dieser Diele standen sicherlich die Braupfannen. Am Straßengiebel war im Luftraum der Diele eine Hangelkammer eingebaut. Die hier zu erwartende Stube lag aber hinter der Diele, wo üblicherweise der Hofflügel ansetzt. Erst dahinter schloss sich ein „Flügel“ an. Stube und „Flügel“ waren genauso breit wie das Hauptgebäude. Im Obergeschoss des „Flügels“ lag ein Saal.

 

Im 16. Jahrhundert erlebte Lüneburg einen Bauboom. Fassaden und Innenstrukturen bzw. Ausstattungen von Häusern wurden verändert oder aufgewertet, man löste sich teilweise aber nach der Mitte des Jahrhunderts von dem alten Grundrissschema des Giebelhauses mit Diele und Stube im Erdgeschoss. Die enorme Salzproduktion des Mittelalters bescherte der Stadt einen solchen Reichtum, dass die Bürger der Stadt in der Lage waren, große Investitionen zu tätigen.

 

In den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts wurde von einer Lüneburger Patrizierfamilie ein Haus errichtet, dass der Formensprache der Renaissance folgte (Abb. 6). Als das Haus 1961 abgebrochen wurde, existierte nur noch ein Fragment der ursprünglichen Anlage. Das traufenständige zweigeschossige Haus besaß eine fünfzonig gegliederte Straßenfassade, deren Aufbau symmetrisch gestaltet war. Im Erdgeschoss führte ein Durchgang mittig auf den Hof. Die Innenstruktur des Hauses lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

 

Ein anderes, 1574 errichtetes Gebäude verdeutlicht die Veränderungen. In diesem Jahr errichtete das Michaeliskloster in einer schmalen Gasse ein traufenständiges, fast 24 m langes Gebäude mit drei Geschossen. Es war geplant, dieses Gebäude sogar noch zu verlängern. In dem Haus wohnten Beamte des Michaelisklosters. Ein Inventar des Jahres 1743 ermöglicht eine detaillierte Rekonstruktion des Hauses in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Rahmen einer Sanierung konnten bauhistorische Untersuchungen durchgeführt werden vorliegen.

 

Im südlichen Teil des Hauses erschloss eine große, zweigeschossige Halle mehrere Wohnungen (Abb. 7). Während die Wände der Halle im Erdgeschoss aus Backstein ausgeführt waren, begrenzte im ersten Obergeschoss eine Fachwerkwand diese. In dieser Fachwerkwand gab es mehrere Fenster. Das zweite Obergeschoss ist in seiner Gliederung noch nicht eindeutig entschlüsselt. Es gab dort mehrere Säle. Die Fenster waren mit Wappenscheiben verziert.

 

Eine Wendeltreppe in der Halle führte vom Erdgeschoss bis zum Dachraum, im ersten Obergeschoss erschloss eine Galerie die Wohnräume. Das Haus besaß eine große Anzahl von Stuben, die einen Fußboden aus Tonplatten besaßen und mit Kachelöfen, die von Küchen aus bedient wurden, beheizt werden konnten.

 

Die Häuser der Handwerker und sozial schwachen Bewohner der Stadt Lüneburg sind kaum erforscht. Zum großen Teil sind diese schon lange aus dem Stadtbild verschwunden. Das bereits vorgestellte Häuserinventar des Michaelisklosters aus dem Jahre 1743 ermöglicht die Rekonstruktion einer Budenreihe.

 

Westlich des ehemaligen Michaelisklosters befand sich einer der zahlreichen Wohngängen, die heute fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden sind. Bei den Häusern dieses Wohnganges, erbaut nach einer Inschrift im Jahre 1582, zeigt sich der Kleinhaus-Typ, Bude oder Bode genannt, noch in seiner ursprünglichen Struktur.

 

Die Häuser wurden als 2-geschossige traufenständige Gebäude errichtet, das erste massiv, die beiden anschließenden als Fachwerkbauten (Abb. 8). Die lichte Größe des Erdgeschosses von 25 m2 war relativ klein. Die Diele nahm etwa die Hälfte der Fläche ein. Von der verbleibenden Fläche entfielen noch einmal zwei Drittel auf die Stube, so dass die offene Küche nur noch eine Größe von nicht einmal 5 m2 aufwies. Das gesamte Erdgeschoss war mit roten Tonfliesen belegt, die Wände und Decke waren geweißt. Wegen der Geschosshöhe von ca. 3,20 m war die Stube zur besseren Temperierung  ca. 1 m abgesenkt, wodurch der sogenannte Stubenboden nur ein Kriechboden war. Die Stube wurde mit einem grünen Kachelofen, vermutlich des 16. Jahrhunderts, geheizt. Die Fenster bestanden bei diesen Buden aus fest eingebauten verglasten Flügeln mit beweglichen Schiebefenstern. Der Herd mit dem ca. 1,70 m tiefem Rauchfang über die gesamte Küchenbreite hatte einen ca. 30 cm hohen gemauerten Sockel.

 

Das Obergeschoss, das über eine Treppe mit Zwischenpodest erschlossen wurde, war ungeteilt und wie das Erdgeschoss mit roten Tonfliesen belegt. Der Dachboden war über eine Leiter zugänglich und ebenfalls ungeteilt, der Dachstuhl als Sparrendach mit einem Kehlbalken konstruiert. Die Dachdeckung bestand aus Hohlpfannen, nur vereinzelt waren noch Flächen mit „Hohlen Steinen“, also Mönch-Nonnen-Deckung, belegt.

 

Bemerkenswert an dieser Hausgruppe sind die Wohnkeller unter den beiden Fachwerkgebäuden. Zugänglich über eine gemauerte Aussentreppe, spiegelten sie den Erdgeschoss-Grundriss fast identisch wieder. Die Höhe ist mit ca. 2,05 m niedrig.

 

Nur wenige Häuser ärmerer Bürger und Einwohner sind zeichnerisch dokumentiert (Abb. 9), Photographien des späten 19. Jahrhunderts geben einen Eindruck der äußeren Gestaltung. Eine 1949 gefertigte Photographie zeigt einen der letzten Wohngänge in Lüneburg (Abb. 10).

 

Die Entwicklung der Bebauung auf einer Parzelle soll am Beispiel eines großen Eckgrundstückes, das sich im Besitz einer Patrizierfamilie befand, erläutert werden. Dieses Beispiel ist nur für die Schicht der Patrizier beispielhaft.

 

Ein Blick auf die heutige Parzellenstruktur zeigt bereits markante Unterschiede. Während in einem Siedlungsbereich am Fuße des Kalkberges eine kleinteilige und verschachtelte Parzellenstruktur, die für eine über einen längeren Zeitraum sich entwickelnde Siedlung nahezu charakteristisch ist, abzulesen ist, sind in anderen Bereichen der Stadt lange schmale Parzellenstreifen, die häufig auch von einer rückwärtig gelegenen Straße erschlossen werden konnten, ein Hinweis auf eine planmäßig vorgenommene Besiedlung. Tatsächlich handelt es sich bei diesen Grundstücken um ein Neubaugebiet, das sich im 13. und 14. Jahrhundert entwickelt hat.

 

Die näher zu betrachtende Parzelle befindet sich in diesem Neubaugebiet (Abb. 11). Der Gebäudekomplex wird von drei Straßen begrenzt und besteht aus einem giebelständigen Hauptgebäude, einem seitlich anschließenden traufenständigen Flügelbau an einer Hauptstraße, zwei Hofflügeln und zwei Gebäuden an einer Nebenstraße. Das Hauptgebäude wurde 1323 errichtet, zusammen mit einem traufenständigen Flügelbau. Um 1500 erfolgte eine Erweiterung des Haupthauses mit einem zweiten Flügelbau, der am Rückgiebel angebaut wurde. An den ersten traufenständigen Flügelbau schließt sich ein weiterer zweigeschossiger an, der 1593 errichtet wurde. Die Gebäude an der rückwärtig gelegenen Straße entstanden in der Mitte des 16. Jahrhunderts zum Teil aber auf älterer Substanz.

 

Das giebelständige Dielenhaus ist das charakteristische Haus Lüneburgs. Seine überlieferten Anfänge liegen im 14. Jahrhundert, noch heute prägt es trotz zahlreicher Veränderungen das Stadtbild. Die Raumstruktur war für die Lebensverhältnisse eines großen Teils der Bevölkerung angepasst und ermöglichte unterschiedlichste gewerbliche Nutzung. Allerdings spiegeln Lage, Bauvolumen, Gestaltung und Ausstattung starke soziale Unterschiede wider.

 

Vor dem Hintergrund eines raschen wirtschaftlichen Erfolgs der Stadt auf Grund der Erlöse der Saline erfolgten besonders im 16. Jahrhundert umfangreiche Umbauten und Neubauten, zum Teil in Form von traufenständigen Häusern, die in ihrer Architektur stärker der Renaissance verbunden waren.

 

Archäologische Befunde zum Hausbau in Lüneburg liegen fast gar nicht vor. Dies ist um so bedauerlicher, da Informationen über die Architektur der präurbanen Siedlungsbereiche und des 13. Jahrhunderts fehlen.

 

Edgar Ring